Wunderschöner Leserbrief, unbedingt lesen! Bringt Euch an manchen Stellen zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken!  Eure Nena

 

Was mir passiert ist und warum ich schreibe? Ich wurde mit 40 von meinem Nachbarn zehn Jahre jünger geschätzt – wie sich rausstellte. „Es gibt wahrlich Schlimmeres!“, werden Sie jetzt sicher denken und sagen. Selbst, wenn Frauen das „kriegen“ könnten, ist es heutzutage nicht immer leicht! Ich merkte, dass der junge Mann rot wurde, wenn er mich sah, sein Herz höher schlug – man konnte es sogar durch sein T-Shirt sehen. Ich freute mich auch, dass er eines Tages nach der Arbeit offensichtlich frisch gemacht und gestylt vor meiner Tür stand mit einer profanen Frage, als Einstieg in ein langes Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass er 15 Jahre jünger ist als ich – das IST eine ganze Ecke! „Was wollen Männer“, ist nicht immer so einfach zu beantworten, wie es die Biologie zu tun vermag – das weiß ich heute.

Es war von meiner Seite nicht die Idee eines jugendlichen Liebhabers, die mich anzog – sondern, dass dieser Mann genau weiß, was er will: Beruflich, freizeittechnisch – auch, wie er sich entwickeln will. Beeindruckt hat mich, dass er nach ein paar flüchtigen Gesprächen, die sich dann doch immer mehr ausdehnten, einfach klingelte, um sich unterhalten und mich kennenlernen wollte. Hätte ich es darauf angelegt, hätte ich ihn wahrscheinlich erst mal an mich binden können. Männer in meiner „Zielgruppe“ erzählen mir oft unaufgefordert zu plakativ, wie sehr meine körperlichen Reize in ihren Geschmackskatalog oder ihr Beuteschema passen – als ob ich in einem unangekündigten Bewerbungsgespräch für ideale Körpermaße sei. Vielleicht haben sie nie gelernt oder es einfach nur verlernt, angemessene Komplimente zu machen. Der junge  Mann musste nicht mal reden dafür, wie es sein sollte – man konnte es sehen und spüren, ohne dass es wie eine plumpe Anmache wirkte. Was mir gefiel: Er war gerade dabei, das gesamte Kennenlernprogramm aufzufahren, wie man es sich als Frau vorstellt und wünscht. Glauben Sie mir, wäre ich zehn Jahre jünger – oder er älter, dann würde ich jetzt gerade nicht schreiben, sondern hätte etwas „Besseres“ vor. Ich bin realistisch genug, mich nicht in aussichtslose Abenteuer zu stürzen – eine fundierte Partnerschaft erfordert auch Gemeinsamkeiten und eine gewisse „Lebensgleichzeitigkeit“.

Diese Begegnung hat mir gezeigt: Obwohl wir alle insgeheim wissen, was wir uns wünschen, klingelt eher völlig unwahrscheinlich der Passende an der Tür. Wir müssen verschiedene Wege gehen, neue Türen öffnen und uns offensichtlich aus unseren sprachlichen Schutzbarrieren herausgegeben. Und da wir es offensichtlich allzu oft nicht selbst hinkriegen, sollten uns dafür auch mal  professionell an die Hand nehmen lassen, um dieses erste Herzklopfen in eine bindende Kette von wunderschönen Momenten zu verweben und den Partner zu finden, der auf Dauer unsere Sprache spricht oder es aus Liebe lernt.

anonym

 

Bild: Gerhard Hermes  / pixelio.de